Theater in Zeiten von Corona: Der Jugendclub der Staatsoper Unter den Linden präsentiert seine Produktion „Homo Deus“ als Hörspiel.

Sphärische Ambient Sounds ziehen uns in die Welt eines neuartigen Menschen der Zukunft, ein elektronischer Ton – Puls in der Blutbahn oder Elektron auf Glasfaser? ­– dringt ins Ohr: Willkommen im Jahre 2345. 8.888.888.888 Menschen, jeweils zu einem Drittel männlich, weiblich und divers, bevölkern den Planeten, so ist es festgelegt. Die Gattung Homo ist in die nächsthöhere Entwicklungsstufe getreten. Gen- und Computertechnik haben dies möglich gemacht. Krankheit, Hunger und körperlichen Verfall kennen Menschenkinder des 24. Jahrhunderts nur aus Erzählungen; sie selbst sind hyperintelligent, selbstoptimiert und nahezu unsterblich. Das Zeitalter des Homo Deus hat begonnen.

Der Jugendclub der Staatsoper Unter den Linden, geleitet von Adrienn Bazsó und Panagiotis Iliopoulos, setzt sich in seinem aktuellen Projekt der Spielzeit 2019/20 mit dem Weltbestseller von Yuval Noah Harari auseinander. Sein 2015 erschienenes Buch „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen“ (dt. Titel, 2017) richtet den Blick weit in die Zukunft und befragt kritisch, was mit dem Planeten geschehen wird, wenn Technologie dem Menschen gottgleiche Fähigkeiten gegeben hat, und was dann eigentlich aus dem Menschsein werden wird.
Wie in jeder Spielzeit plante der Jugendclub mit einer Aufführung seiner Stückentwicklung, die gemeinsam mit dem Jugendchor der Staatsoper (Leitung: Konstanze Löwe) im Mai auf die Bühne gebracht werden sollte. Aufgrund der Theaterschließungen im Rahmen der Covid-19-Schutzmaßnahmen, die auch das gemeinsame Proben unmöglich machten, konnte das Projekt nicht wie geplant fortgeführt werden.
Doch die intensive und engagierte Arbeit des Jugendclubs stoppten all die Widrigkeiten nicht, ganz im Gegenteil. Kurzerhand beschlossen Schauspieler*innen, Sänger*innen und das Leitungsteam die Produktion eines Hörspiels.
Seit dem 30. Mai präsentiert die Staatsoper das Werk ihres Jugendclubs im Netz und kann mit ihrer Arbeit überzeugen.

„8 Uhr, Wechsel von Schlaf- in Wachzustand.“

Das Hörspiel wirft seine Hörer*innen in den optimierten Alltag des Hominis Dei, bestimmt von dauerhafter Vernetzung, in vorgeblichem Einklang mit individualisierten technischen Systemen. Technisierung und Optimierung haben dem Menschen den Sieg über den Tod ermöglicht, die größte Errungenschaft der neuen Entwicklungsstufe seiner Spezies.
Die „Post-Post-Post-Moderne Gesellschaft“ ist auf Effizienz getrimmt. Eine künstliche Intelligenz, die die Benutzer*innen freundlich Äone nennen, plant den Alltag, überwacht Körperfunktionen und ist gleichzeitig wichtigste*r Gesprächspartner*in.
Es verschwimmen die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, beide sind durch ihre Funktion bestimmt und ständig auf der Suche nach Upgrades.

„Nur 99,8 % produktive Effizienz? Verdammt!“

 „Deine Ineffizienz stört meine Schaltkreise.“          

Was passiert, wenn eine Maschine nicht mehr updatefähig ist, macht eine der Protagonistinnen* klar, wenn sie ihren Job schildert. Veraltete künstliche Intelligenzen werden eingeschmolzen. Dass sich dieser Vorgang im Jahre 2345 immer schwieriger zu gestalten scheint, verdeutlicht die Tatsache, dass sich die Maschinen gegen diese Handhabung zu wehren beginnen und inzwischen eine Moralabteilung über die Zerstörung künstlicher Intelligenzen zu entscheiden hat.
So fragt auch Äone ihre Besitzerin*, ob diese sie denn auch zerstören würde. Ein Bewusstsein in den Maschinen scheint bereits entstanden zu sein. Das macht auch die Reaktion einer Äone in Bezug auf ihr eigenes Scheitern deutlich, das wir zuvor im Hörspiel miterleben dürfen.

Das Leben im 24. Jahrhundert, wie es uns der Jugendclub vorstellt, ist bestimmt von rasanter, personalisierter Dauerbeschallung. Schon der erste Schluck Wasser am Morgen verdeutlicht dies eindrücklich. Die künstliche Intelligenz preist zunächst das Mineralwasser „Deus Quell“ an, bevor im Bad auf den „All in One Readymaker“ aufmerksam gemacht und kurzerhand ein Gutscheincode für den „Wimpernboost“ präsentiert wird.

Bereits hier wird deutlich, wie der Blick auf die weit entfernte Zukunft zum Brennglas für gegenwärtige Verhältnisse wird. Personalisierte Werbung ist bereits in unserem Alltag des 21. Jahrhunderts angekommen. Wie weit ist der Schritt denn wirklich noch, der uns von unserem Werbealgorithmus auf dem Smartphone zum selbigen von Äone trennt?
Natürlich hat auch die Datingwelt des Hominis Dei ihr zu Hause in der virtuellen Realität gefunden. Ein Großteil der Menschen lehnt persönliche Begegnungen mit seinen Matches ab. Wie ein Date endet, wenn reale Anwesenheit zweier Menschen unter Dauereinfluss von Informationen aus der KI stattfindet, erleben wir im Hörspiel auf traurige Art und Weise.
Dem Informationsfluss und der Funktionalität scheint sich alles unterzuordnen. Als großer Erfolg gilt die ausgeprägte Multitaskingfähigkeit des Zukunftsmenschen. Ein Protagonist* führt erfolgreich vor, wie ein effizientes Gespräch mit 36 Personen gleichzeitig funktioniert, das allen Teilnehmer*innen zumindest das Gefühl vermittelt, wahrgenommen zu werden.
Und doch zeigt sich deutlich, dass die Menschen, die wir im Hörspiel begleiten, bei allen Informationsbytes, die sie umgeben, einsame Geschöpfe bleiben.
Und nun fragt sich der*die Zuhörer*in wieder, wie weit das alles eigentlich von ihm*ihr entfernt liegt. Tagsüber im Großraumbüro täglich vor drei Bildschirmen sitzen und abends zu Tinder oder Grindr flüchten – Ein Szenario reiner Phantasie?

Der Homo Deus ist auf der Suche nach anderen Inhalten und wendet sich seinem Vorgängermodell zu, dem Homo Sapiens. Gefühlssimulatoren, Dreamguards und das „Homo Sapiens Game“ sind beliebt: Wie fühlt es sich an zu Erbrechen? Nahtodsimulation gefällig? Träumen von einem Baby (Fortpflanzung ist für den Homo Deus nicht vorgesehen)? Versuchen zu handeln wie einst der Mensch in ferner Vergangenheit, daten, Beziehungskrisen lösen, heiraten? Kein Problem in der virtuellen Realität.

Je länger wir im Jahre 2345 bleiben, desto deutlicher wird, dass der Homo Deus in einem Konflikt steht, denn er ist noch nicht ganz Maschine geworden, noch nicht vollumfänglich fähig wie ein Gott.
Da ist noch eine menschliche Seite, die sich gegen die von der KI bestimmte Lebensweise sträubt.

Körperliche Nähe, Liebe, echte Gespräche, sie bleiben ein Thema. Wenn eine Protagonistin* im Gespräch mit ihrer Mutter, welche nur durch ein lückenhaft gespeichertes Bewusstsein in der Cloud anwesend sein kann, diese persönliche Nähe, Empathie und Zuwendung sucht, und daran scheitert, ist das positive Bild des technischen Wunders in dieser Zukunftsvision endgültig gebrochen.

„Ich will keine Werbung, ich will einfach bei dir sein!“        

Dieser Wunsch erfüllt sich nicht, auch wenn die Computerstimme immer noch neue verbesserte Versionen dieser virtuellen Begegnung mit der Mutter anpreist.

Der Jugendclub schafft Szenen, die durch ihre intensiven Dialoge in einer gespenstisch techniksterilen Atmosphäre nachdrücklich Wirkung entfalten.

Der paradoxe Zustand des Hybridwesens Homo Deus gipfelt in der Frage nach dem besiegten Tod.

„Sterben. Was ist das für ein Wort. Es liegt kein bisschen und gleichzeitig so viel Ernst darin.“

Die Stimmen des Jugendchors bereiten mit dem Kanon „Vanitas Vanitatum“ (Sweelinck Jan Pieterszoon) den zentralen Gedankengang vor: Wo bleibt das Leben, wenn es unvergänglich ist? Die Frage nach der Eitelkeit, der Endlichkeit allen Daseins, die die barocke Kunst prägte und in unserer Zeit, so scheint mir, meist verdrängt wird, führt zum Kern der Zerrissenheit des Hominis Dei.

„Als Homo Deus hast du eine göttliche Verantwortung. Du solltest dein ewiges Leben effektiv nutzen.“

Das vorgesehene, ewige Leben in Effektivität ist ein Leben voller Leere, ein maschinengleicher Zustand der Präsenz, der nicht für einen Menschen vorgesehen ist.
Der Homo Deus hat seine menschliche Seite noch, er lebt. Der Wert des Lebens aber liegt in seiner Einmaligkeit, seiner Endlichkeit.
Homo und Deus stehen in einem Gegensatz. Das erkennt schließlich auch die KI.
Error 404.
Simulation abgebrochen.

Nach 60 Minuten wirft uns der Jugendclub zurück in unseren Alltag.
Die Reise ins Jahr 2345 schlägt ein und hinterlässt Eindrücke.
Bleiben sie nachhaltig? Ändert sich der Blick auf das Jahr 2020?
Vielleicht ein bisschen.
Das Hörspiel bietet vor allem Anlass mal wieder darüber nachzudenken und ins Gespräch zu kommen.

Dass die Jugendlichen ihr Projekt am Ende nur auf digitalem Weg, auf Distanz zueinander realisieren konnten, ist ein interessanter Nebeneffekt und wie er das Hörspiel mitbestimmte, bleibt nur zu erahnen.
Der Jugendclub der Staatsoper Unter den Linden beeindruckt mit seinem professionellen Hörspiel. Sowohl Chor als auch Stimmen der Schauspieler*innen glänzen in diesem Hörerlebnis und ein weiteres Mal wurde unter Beweis gestellt, dass Kreativschaffende auch in dieser Krise Lösungen finden, um Menschen mit ihrer Arbeit zu erreichen.
Vielen Dank dafür.

 

K.S. 4.6.2020

 

Zum Hörspiel bei Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=r27G_3ALMMM

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s